Mai 2013
Das richtige Wort finden
Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen! (Sprüche 31,8) „Ich will lieber nichts sagen“ höre ich nicht selten. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ heißt es. „Besser, sage nichts“ - rät der Anwalt. „Alles, was sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden“… Dass man da vorsichtig wird bei jedem Wort, kann man wohl niemandem verdenken. Es wird zwar viel geredet, aber wenig gesagt. Denn es kann Folgen haben so ein Wort. Wer einmal krank gewesen ist und im Krankenhaus bei der Visite zuhörte, weiß das. Was hat er gesagt, der Arzt? Darf ich hoffen oder war da ein hoffnungsloser Unterton? Da wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Jeder kleine Satz wird gewertet. Und wie wichtig wäre es doch, jetzt ein gutes Wort zu sagen! Ein Wort, das die Eigenkräfte mobilisiert, die Genesung fördert.
Wir hören fast wöchentlich, welche Urteile Richter fällen, wenn es um Stühle im Gerichtssaal oder um Lärmschutz oder Streikrecht geht. Da sitzen Kläger und Beklagte vor dem Tisch und warten auf Worte, die ihnen recht geben. Und ist es Ihnen auch aufgefallen: Am Ende sucht sich jeder die Worte heraus, die ihm recht geben. Im Monatsspruch für Mai geht es nicht nur um ein Wort, das mir hilft, sondern es geht um Worte, die ich spreche. Wann sind meine Worte gefragt? Ein Wort, das nach Zivilcourage klingt. Ich soll mich nicht immer verstecken und unangreifbar machen. Ich soll meine Stimme für andere erheben. Wir sind alle aufgerufen, unseren Mund aufzumachen, wenn es nötig ist! Martin Luther hat das in seiner Erläuterung im Kleinen Katechismus auf den Punkt gebracht: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten." Wenn dieser Satz nicht nur zum auswendig gelernten Spruch vor der Konfirmation entarten soll, dann heißt das doch, nicht tatenlos herumzustehen und den Mund geschlossen zu halten, sondern Partei zu ergreifen und das richtige Wort zu finden. Dafür wird am 18. Mai Gelegenheit sein. Am Pfingstsamstag plant die NPD einen Aufmarsch in Sonneberg. Sicher, so ziemlich jeder hat sich schon etwas vorgenommen für die Feiertage. Und viele meinen: „Können wir das nicht einfach schweigend hinnehmen?“ Aber wer schweigt, lässt es zu. Wer schweigt, lässt zu, dass sich eine menschenverachtende Ideologie wieder lautstark in unserer Gesellschaft breit macht. „Öffne deinen Mund für den Stummen, für das Recht aller Schwachen!“ mahnt uns die Bibel. Dazu gehören Flüchtlinge, Minderheiten und Kranke. Es sind Menschen, die selbst nicht für sich sprechen können. Wir sind gerufen in Gottes Namen, uns vor jene zu stellen, die nicht in das braune Weltbild passen. Unter dem Motto „Vielfalt statt Einfalt“ erheben wir als Christen und verantwortungsvolle Menschen am 18. Mai unsere Stimmen. Wir müssen es tun. „Nächstenliebe verlangt Klarheit! Das christliche Gebot der Nächstenliebe gebietet es, uns in aller Klarheit gegen solche menschenverachtenden Einstellungen und Taten, die diesen folgen, auszusprechen.“ heißt es in einem Aufruf der Evangelischen Kirche gegen rechtsextremistische Tendenzen in unserer Gesellschaft. Auch wenn uns im schönen Monat Mai und dazu noch am Wochenende sicher viel Schöneres einfällt, als uns mit unangenehmen Aufmärschen zu beschäftigen, es ist wichtig. Machen wir also unseren Mund auf! Wir könnten ja vielleicht irgendwann von unseren Kindern und Enkeln gefragt werden: „Was hast du dazu gesagt?“ Wolfgang Krauß, Superintendent |