Andacht

Weihnachten! Dennoch!

Es kostet Kraft zu akzeptieren, daß Weihnachten nicht so sein kann, wie wir es uns vorstellen und gewohnt sind. Es macht traurig, Menschen, die uns vertraut sind, nicht in die Arme schließen zu können. Noch trauriger macht es, daß ein Familienmitglied nicht mehr da ist, ein Freund, eine Freundin oder der Nachbar, die Nachbarin plötzlich fehlen. Und zu alledem werden uns jetzt auch noch schwere Wochen vorausgesagt, trotz beginnender Impfungen. Wir haben auch Angst, Angst vor der Nähe von Menschen, Angst vor der Ansteckung mit Covid. Angst davor, krank zu werden und zu sterben. Wie wird das alles weitergehen? Was kommt denn noch? Solche und noch viele, viele andere bange Fragen bewegen uns, bewegen viele Menschen in diesen Weihnachtstagen. – Was könnte helfen?

Ich denke, sich bewusst auf die Weihnachtsgeschichte zu konzentrieren. Da läuft keineswegs alles rund. Maria und Joseph sind gezwungen, eine weite Reise anzutreten, weil der römische Kaiser mehr Steuern will. Sie finden gerade so einen Stall als Notunterkunft und dann kommt schon das Kind… Beim Evangelisten Lukas heißt es:

„Und die Hirten kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen.“ (Lukas 2,16) Es ist eine Begegnung mit dem Ewigen, die ihnen da widerfährt, von Engeln gerufen, hatten sie sich auf den Weg gemacht. Aus solcher Begegnung erwächst ihnen eine Kraft, die auch wir gut gebrauchen können. Es ist Weihnachten, trotz der widrigen Umstände!

Denn: Über allem Schweren, das da jetzt auf uns lastet, über allen Ängsten, über aller Trauer, steht seit der ersten Stillen, Heiligen Nacht ein großes „Aber“: „Beglänzt von seinem Lichte hält euch kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.“ (Jochen Klepper, EG 16, 1939)

Wir feiern dennoch Weihnachten! Bis zum 6. Januar, ja, eigentlich sogar bis Lichtmeß am 2. Februar. Wir feiern und sinnen diesem Geheimnis nach, trotz allem und mit allem was geschehen ist und noch geschieht. Wir maßen uns nicht an, alles erklären zu wollen, geschweige denn erklären zu können. Aber: Die Gewissheit des Glaubens, des Gottvertrauens ist stark, freilich auch paradox: Gott wird ein Mensch, kommt als Kind zur Welt, wie du und ich, und wird geboren in einem Stall. Es ist wahr: Gottes Hilfe ist auf uns zugekommen und kommt immer neu zu uns, in Jesus, der arm geboren und arm geblieben ist und von dem wir als Christen sagen, „der versteht mich“ – nicht nur theoretisch, sondern mit Fleisch und Blut, uns alle erkannt und verstanden hat: „hautnah, herznah, kopfnah“ verstanden hat – wie es der Schweizer Dichter und Pfarrer Kurt Marti ausdrückt. Krippe und Kreuz - wie paradox! Der Apostel Paulus wird dann einmal sogar sagen – auch völlig paradox: „Wenn ich schwach bin, bin ich stark!“ (2. Kor, 12,10) Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig! …

In tiefster Nacht, macht Gott einen neuen Anfang mit uns, mit dieser Welt: „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen kann unsre Nacht nicht endlos sein!“ (EG 56)

Eine besondere Geschichte hat sich da tatsächlich auch schon an uns und mit uns allen vollzogen. Die Geschichte des Jesus Christus. Denn Gott selbst hat mit dem Kind von Bethlehem uns da aufgesucht, wo wir waren und immer wieder mal sind: Fern von Gott. Allein mit uns selbst, ausgeliefert an das, womit wir im Leben nicht fertig werden. Wo unsere Gottesferne am dichtesten ist, im Tod, da ist er uns Menschen am nächsten gekommen. Dahin hat das Kind uns Gott gebracht. Gott ist uns da so nahe gekommen wie keiner sonst. Das ist seine Wahrheit, im Kind der Krippe, im Mann, der das Kreuz schleppt und schließlich darauf festgenagelt wird, stirbt – und doch den Tod zugleich besiegt - auch für uns zu Weihnachten 2020. Diese Wahrheit ist nun auch unsere Wahrheit geworden. Das feiern wir, dennoch!  

Und diese Geschichte ist nicht vergangen. Sie ist vielmehr lebendige Geschichte für Gott und für euch. Geschichte des Evangeliums, die bis heute durch die Welt geht und auch AD 2021 weitergeschrieben werden wird, auch mit dir - wenn du willst.
Gottes Geheimnis ist diese Geschichte. Und hat den Namen Jesus Christus und ist in ihm doch auch schon offenbar geworden: Ihr seid jetzt bei Gott, weil er mit Jesus ganz und gar bei euch ist, bei dir ist, Kraft deiner Taufe und deines Glaubens. Die Tür steht offen, allen: „Wenn wir Jesus betrachten, sei es als demütigen Menschen auf der Erde, sei es als verherrlichten Menschen zur Rechten Gottes, sehen wir das ewige Leben in seiner ganzen Fülle – und unser Leben! Das ist ein unaussprechlicher Reichtum, ein unergründlicher Segen.“ (Arend Remmers)

„Bei dir Gott ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Psalm 36) Es ist das Licht des Sterns, der die Weisen zur Krippe führte, das Himmelslicht, das die Engel umgab als sie große Freude ausriefen und sich die Hirten in Bewegung setzten. Es ist das Licht, das im Angesicht des Kindes uns leuchtet. Da sahen die herbeigeeilten Hirten nur ein neugeborenes Baby in einer Futterkrippe, in einem Stall und haben doch zugleich das Licht der Welt gesehen. Es ist dasselbe Licht, das du entzündest, für dich, für andere, für die Lebenden und für die Toten, für unsere ganze oft geschundene Welt.    Dieses Licht wird durch keine Pandemie ausgelöscht, es hat große Kraft. Eine Kraft, die wir brauchen! Lassen wir uns von ihm erleuchten! Christ der Retter ist da!

Pfarrer Thomas Rau, Superintendent des Kirchenkreises Sonneberg