Monatsandacht 02 / 2019
„Hört nicht auf zu beten!“                     (u.a. Brief an die Kolosser)

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“

Dieser Satz aus den Gefängnisbriefen Dietrich Bonhoeffers verdeutlicht, wie sehr wir am Geheimnis des Göttlichen vorübergehen, wenn wir uns in Debatten über seine Existenz verlieren. Über Gott lässt sich durchaus vernünftig diskutieren, aber das göttliche Geheimnis lässt sich nicht in Lehrsätzen erfassen. Es lässt sich aber erfahren, auch und gerade im Gottesdienst, in der Feier der Taufe, des Abendmahls…

Wenn Menschen über Gott reden, dann machen sie sich immer schon ein Gottesbild – und dies widerspricht dem Bilderverbot, dass Martin Luther,  man könnte auch sagen, leider, fallen liess. Wir wissen, er hatte gute Gründe…

Auch wenn wir gar nicht anders können, als uns Bilder zu machen, das Göttliche ist nicht in unseren Bildern einzufangen, sein Geheimnis hüten – das ist das Entscheidende.

Rechthaberei und Absolutheitsansprüche trennen uns dabei von Gott. Die Tradition der Mystik hat sich um die Wahrung des göttlichen Geheimnisses bemüht. Der Ausdruck Mystik (von altgriechisch μυστικός mystikós ‚geheimnisvoll‘, zu myein ‚Mund oder Augen schließen‘) bezeichnet Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer göttlichen oder absoluten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung.

Mystik ist nicht unvernünftig, aber sie denkt die Grenzen der Vernunft mit und bewahrt uns davor, unsere vermeintlichen Gotteserkenntnisse mit Gott zu verwechseln.


Für uns als Christen ist das „göttliche Geheimnis“
allerdings gar nicht mehr so geheim:

Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben,
aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn Grund und Ende,
Wunder aller Wunder: ich senk mich in dich hinunter. 
Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden.  (EG 165,5) 

 

So dichtete der von Jesus berührte Prediger Gerhard Teerstegen 1727 im Lied
„ Gott ist gegenwärtig“, das wir immer noch gerne singen.

Wir werden aufgefordert zu beten, dass die Türen zu den Herzen der Menschen für Jesus Christus geöffnet werden, für das „Geheimnis Christi“ wie es an verschieden Stellen des NT steht. Mystērion war im antiken Griechisch (Μυστήριον)  ein religiöses Geheimnis – nicht im Sinn einer zurückgehaltenen Information, sondern im Sinn einer Vergegenwärtigung der Gottheit, die tiefer und höher reicht als Worte aussprechen können, eben auch ein Geheimnis, ein Mysterium bleibt.

Beten, in welcher Form auch immer, ist die Vergegenwärtigung dieses Geheimnisses, dieses Mysteriums.  Wenn wir z. B. auf die Worte: „Geheimnis des Glaubens“ bei der Mahlfeier gemeinsam antworten: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ -So wird tatsächlich das Geheimnis Gottes gegenwärtig unter uns, indem wir es aussprechen mit dem Mund und es zugleich bekennen mit dem Herzen. Und das Geheimnis kommt tatsächlich zu uns, im Stück Brot, in der Hostie, im Schluck Wein, das ist unser Glaube.

Jesus hat Menschen zusammengebracht, Zukunft eröffnet, Schwache und Arme gestärkt, geheilt, geliebt. Menschen mit ihm zu verbinden und in seinem Sinn zu leben, zu beten zu arbeiten, nichts anderes ist auch unsere Aufgabe. Unser aller Beten, ob allein oder gemeinsam im Gottesdienst, in vielfältigen Formen, mit Worten, im Schweigen, mit Singen, mit der Musik, in der Stille, mit unserem ganzen Sein, ist dafür unverzichtbar. Beten stärkt unseren Zusammenhalt und öffnet verschlossene Türen.  Also: Hört nicht auf zu beten, vergesst dabei nicht zu danken, denn die Dankbarkeit führt zu neuer Lebensfreude.