Andacht

Mit Grenzen leben

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden . Ps 90, 12

Es gibt manchmal tragische Unfälle. Wenn z.B. jemand ein Bein verliert. Es ist nicht das Ende des Lebens. Aber es bedeutet Einschränkungen, wenn man nach einem Unfall nicht mehr beide Beine, sondern nur noch eines zur Verfügung hat. Ein alter Nachbar hat mir erzählt, wie schwer es für ihn war, als ihm nach einem Granatenangriff als Soldat im zweiten Weltkrieg beide Beine amputiert werden mussten. Wochenlang lag er im Lazarett, unzufrieden mit sich und seiner Situation. Als er endlich seine Krücken bekam, machte er gleich einen richtig großen Spaziergang. Mit dem Ergebnis, dass schon am Tag danach seine Beinstümpfe stark anschwellen. Die Entzündung, die sich anschloss, zwang ihn nochmals für Wochen ans Krankenbett. Er musste lernen, dass es eben nicht so weiter ging wie zuvor. Dass es hier nicht ein kleines Defizit gab, dass man nur ausgleichen müsste und könnte dann weiter machen wie zuvor. Es hatte sich etwas geändert, sein Leben hatte sich geändert. Seine Pläne, seine Zukunftsträume, seine Art und Weise zu leben. Er hatte deutlich zu spüren bekommen, dass sein Leben eingeschränkt wurde. Dass es nicht grenzenlos ist, vor allem aber nicht grenzenlos verfügbar. Unser Leben, jedes unserer Leben hat seine Beschränkungen.

Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, heißt es im Psalmwort. Lehre uns bedenken, dass unser Leben Beschränkungen hat, über die wir nicht frei verfügen können. Dass es Grenzen des Lebens gibt.

Die derzeit wieder einsetzenden Corona-Beschränkungen halten uns das noch einmal eindrücklich vor Augen. Was hatten wir nicht für schöne Pläne: endlich wieder unbeschwert Advent und Weihnachten feiern. Endlich wieder Silvesterböller. Endlich wieder Partys, Freunde treffen, gemeinsam unbeschwert Spaß haben. Nun wird deutlich, dass das nicht geht. Es gibt eine Grenze, die uns gesetzt wird.

Wer klug ist, erkennt diese Grenze an. Dann kann man sein Leben noch unter ganz anderen Vorzeichen sehen. Vielleicht auch Änderungsbedarf erkennen. Sehen, dass wir uns in unseren eigenen Plänen von Gottes Plänen für unser Leben entfernt haben.

Mein Nachbar hat mir die Geschichte vom Verlust seiner Beine an einem Nachmittag erzählt, als ich mit ihm regelmäßig Schach gespielt habe. Jede Woche einmal, meistens habe ich verloren, selten ein Remis, ein „Unentschieden“ rausgeholt. Wie auch anders. Er war nach dem Krieg erfolgreicher Schachspieler und Problemlöser geworden. Seine Schachprobleme wurden zu der Zeit, als ich mit ihm spielte, im Stern und in der Süddeutschen veröffentlicht. Das Anerkennen seiner Bewegungsgrenze war für ihn das Tor zu einem anderen Lebensbereich geworden. Der Einlass für einen Kulturbereich, den er vorher gar nicht richtig wahrgenommen hatte. Und der ihm doch so viel zurück gab – durch die Entdeckung ungeahnter Fähigkeiten, durch die Anerkennung für seine Schachaufgaben, durch neue Freundschaften, durch Erlebnisse und Erfahrungen bei Begegnungen im In- und Ausland.

Der Weg dahin war für ihn nicht leicht. Und es ist auch für uns nicht leicht, wenn wir uns die Grenzen, die uns gesetzt sind, vor Augen halten. Wenn wir die Pläne, die wir haben, prüfen, ob sie sich mit Gottes Plänen vertragen. Vielleicht sogar unsere geplanten Herzenswünsche aufgeben. Damit wir klug werden. Damit wir die Ziele erreichen, zu denen Gott uns leiten möchte und mit denen wir glücklich werden.

 

Bleiben Sie behütet!
Alles Gute und Gottes Segen

Pfarrer Jörg Zech, Pfarramt Lauscha im Kirchgemeindeverband "Am Rennsteig"